Leseprobe aus dem Buch "Porzellanvögel"
Es war ein Montag im Sommer, als wir unsere Welttheorien austauschten. Ich ging mit Jonathan durch eine Ein-Familien-Haus-Siedlung, meine Beine fühlten sich etwas müde an, ich war erst wenige Stunden vorher aus der großen Stadt gekommen, mit der mich während der Ferien die Ausübung eines Nebenjobs verband.
Es war spätnachts, unheilschwanger betrachtete der Vollmund die Szenerie. Auf den Fensterbänken der Häuser standen zumeist tierische Dekorationsgegenstände, einteilbar in eine Skala, die von „bizarr“ bis „spießbürgerlich“ reichte. Abstrakte Gebilde begegneten uns hier, Katzen mit langem Hals, Papageien, die Pfeife rauchten. Aber auch Pelikane aus Terrakotta und Wackeldackel. Selten waren Vogelkäfige zu sehen, öfter hingegen Fensterbilder. Der Blick in die von den Straßenlaternen schwach ausgeleuchteten Wohnzimmer verriet Sinn für Ordnung und Sauberkeit, ebenso ein gewisses Maß an Wohlstand, einige Male auch Weltoffenheit oder gar Intellektualität, erkennbar an riesigen Bücherschränken, die dann nicht mehr ganz so aufgeräumt aussahen. Gemütlich hingegen kamen uns die Küchen vor, die – oft dunkel gefliest – dem Betrachter zuzurufen schienen: „Gleich gibt’s Spagetti, noch zwei Minuten, mein Schatz“.
Sehr interessant auch der Blick in die Kinderzimmer: bunte Poster an den Wänden, lustige Gegenstände baumelten von dünnen, von hier aus fast unsichtbaren Fäden in den Raum hinab. „Sonne, Mond und Sterne“ tauchte in den Gedanken auf. Die Vorgärten ebenfalls gepflegt, ebenfalls versehen mit stillen Posten: Gartenzwerge, die mit strengem Blick einen kleinen Hang hinabschauten. Steine, die eher eine Kopfverletzung bei einem unvorsichtigen (oder unerfahrenen) Auto- bzw. Radfahrer in Kauf nahmen, als dass ihr Besitzer irgendwann einen Quadratmeter Rasen neu aussähen müsste. Verschnörkelte und trotzdem als Massenware identifizierbare Briefkästen.
Blumenbeete, aschfahl im Dunkel der Nacht, graue Wesen mit unscharfen Konturen, jedoch leuchtend in den Farben des Paradieses, wenn die Sonne schien, ihre Schönheit nicht zurückhaltend. Ein misstrauisch aussehender Mann blickte heraus aus dem Fenster, als würde er sich von uns persönlich ertappt fühlen, bei seinem nächtlichen Raubzug durch den Kühlschrank. Ein Radio lief, im Vorbeigehen hörten wir die Zeilen:
„Und hinter der Brücke steht ein Haus am Fluss,
Weinreben klettern an der Mauer hoch –
du hast viel Freizeit, kannst in den Garten geh’n,
oder mit deiner Frau auf der Veranda steh’n „
Eine offene Garage, ein tolles Auto. Es war eine bessere Wohngegend, zweifellos. Ich war bemüht, Jonathan vom lauten Reden abzuhalten. Rechts ein Spielplatz, links eine Einfahrt. Jonathan nippte an seinem Bier, begann dann zu sprechen; die Siedlung wurde zu seinem stummen Zeugen.
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