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Leseprobe aus dem Buch "Porzellanvögel"

„Arbeitet er auch noch in der Keksfabrik?“ wollte Jonathan wissen.
„Ja, und er beginnt, etwas mehr in der Arbeit zu sehen, als nur den Lebensunterhalt, die allwöchentliche Fron.“ Ich stellte ihn mir vor, an einem Fließband, er trug ein altes T-Shirt mit einer abgewetzten Rückennummer. Keksschachteln gleiten an ihm vorbei, ein Typ mit monotonem Blick stapft durch die Halle.
„Er sammelt eigene, alternative Erfahrungen in dieser Fabrik“ malte ich mir aus. „Auch darüber kann er schreiben, es romantisch verklären, wo es eigentlich nichts zu erzählen gibt, auf den ersten Blick.“ Ich dachte an meine eigenen Nebenjobs, auf die ich seit Jahren schon angewiesen war.
„Die unfreundlichen Gesichter, aber auch das Kumpelhafte, was nur jenen gegenüber gezeigt wird, die zur Eigengruppe gehören. Die Körper derjenigen, die täglich am Band stehen, seit Jahrzehnten. Ausgemergelt die einen, übergewichtig die anderen. Man ist geneigt, es mit der Arbeit in Verbindung zu bringen, aber die Diskrepanz zeigt: es gibt keinen Zusammenhang. ‚Hier möchte ich nicht enden’ denkt er sich, es ist einer der sichersten Gedanken, die er je hatte, unser Germanist, ein Satz, der wie ein Felsblock in seinem Kopf auftaucht, unverrückbar, kompromisslos.“
„Denkt er darüber nach, wie es seinen Arbeitskollegen geht? Was sie mit ihrem Feierabend anfangen, wohin sie gehen, wenn die Fabrik am späten Nachmittag schließt?“ fragte Jonathan.
Ich versetzte mich in Gedanken in das Lager, in welchem ich selbst hin und wieder arbeitete. „Ja, er denkt darüber nach. Sieht sie bei ihren Familien sitzen. Oder, wenn sie schon geschieden sind, alleine vor den Abendnachrichten, ein Bierchen in der Hand, aber es ist kein glückliches Feierabendbier, es dient dem Ertränken. Es macht ihn traurig, da raunzt ihn einer an. Seine Hände vollziehen weiter den grauen Akt, aufklappen, füllen, zuklappen.“
„Das Herz der Maschine vibriert, Pappe fließt durch ihre schwarzen Venen.“
„Sie spuckt einfach immer weiter kleine Kartons aus, unschuldig, bunt, ein schrilles Etikett. Später werden sie bei Gelb Grün Groß stehen, du wirst an ihnen vorbei flanieren, keinen Gedanken an den Produktionsprozess verschwendend.“
Ich klang fast vorwurfsvoll, als ich auf seinen Supermarkt-Tick anspielte.
„Da schließt sich der Kreis“ sagte er, „es interessiert mich einfach nicht.“
Ich ließ mich nicht beirren:
„Die Maschine pocht im schrecklichen Rhythmus, er fragt sich: wie oft muss sie pochen, bis ich erlöst bin für heute, wie oft wird sie pochen, bis ich wieder kommen muss?“
„Grausig, das Leben eines Stahlarbeiters.“ Jonathan lachte. Ich sponn weiter:
„Am Band gegenüber, da steht noch einer von seiner Sorte. Mit langen Haaren, halbgar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Guckt rüber, eine minimale soziale Situation, Kommunikation durch Augenkontakt, ein Blick der irgendetwas sagt zwischen ‚Ich will auch hier raus’ und ‚Aber es ist trotzdem eine wertvolle Erfahrung’.“
„Auch ein Studi?“ Jonathan sah mich interessiert an. Er hatte eines meiner Hasswörter verwendet.
„Ja. Ein Leidensgenosse“ antwortete ich ihm. „Unter seinem Kapuzenpulli ist ein olivgrünes Che-Guevara-T-Shirt zu sehen. Da weiß unser Germanist: ‚Der kommt von einem anderen Ufer, der hat die Kohärenz, die ich vermisse in meinem Weltbild, der weiß eher wo er steht, als ich’, doch es sind Vorurteile, er könnte das wissen.“
„Warum weiß er es nicht?“ „Weil er selbst scheu geworden ist, die Unstetigkeit seiner Biographie, das nagt an ihm. Er will selbst nicht mehr mit allen in einem Boot sitzen, die es ähnlich schwer haben könnten wie er. Er blickt nach vorne, in Gedanken, zu Frau und Kind. Und der blau gestrichene Gartenzaun.“


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